Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem
Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem

Wie verändert die Corona-Krise unsere Gesellschaft?

Ergebnisdokumentation der Diskussionsreihe am Martin-Niemöller-Haus

Die Corona-Krise hinterlässt tiefe Spuren in unserer Gesellschaft. Sie betrifft viele Bereiche unseres persönlichen Lebens und hat gravierende Auswirkungen auf unser Gemeinwesen. Wie genau sich unsere Gesellschaft verändert, ist noch nicht abzusehen. Die Befunde sind widersprüchlich.

An sechs Abenden diskutierten Impulsgeber*innen und Gäste online zu den Auswirkungen in ganz unterschiedlichen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens und fragten: Welche Implikationen hat die Pandemie? Wo verschärfen sich Probleme? Wo ent-wickeln sich innovative Impulse und Ideen?  Dabei war es uns wichtig, jeweils Bezüge zwischen theoretische Überlegungen und praktische Erfahrungen aus unserem lokalen Umfeld, der Region Steglitz-Teltow-Zehlendorf, herzustellen.

Wir laden herzlich ein, sich auf unserem Padlet an der Entwicklung ganz konkreter Ideen und Aktionen zu beteiligen. Es ist uns am Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem ein Anliegen und eine Freude, dass dieser Ort historischer Erfahrung und Verantwortung als Raum für ganz aktuelle gesellschaftliche Themen und Debatten genutzt wird. Bringen Sie sich ein als Zivilgesellschaft ein, als Gemeinde, Verein, Initiative, Nachbarschaft und tauschen Sie sich hier auf unserer Website oder direkt auf Padlet.com aus:

Mit Padlet erstellt

Lesen Sie im Folgenden einige Gedanken, Ideen und Ergebnisse der Diskussionsabende nach. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit dem Wunsch, dass diese Notizen beim weiteren Nachdenken nützlich sind.

Eine ausführlichere Zusammenfassung der Diskussionen finden Sie im folgenden PDF aufbereitet:

MNH_Corona_Gesellschaft_Ergebnisdokumentation
MNH_Corona_Gesellschaft_Ergebnisdokument[...]
PDF-Dokument [621.2 KB]

Die gesundheitliche Versorgung im Stresstest: Patient*innen und Mitarbeitende im Krankenhaus

 

Impulsgeber*innen

  • Christian Petzold, stellvertr. Vorsitzender der Aktion Demenz e.V.
  • Pfarrerin Regine Lünstroth, Krankenhausseelsorgerin im Theodor-Wenzel-Werk
  • Jutta Beversdorff-Burghard, Krankenschwester auf der Intensivstation im Helios-Klinikum Emil von Behring

 

Das Thema

Viele Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie wurden und werden damit begründet, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werden dürfe. Daher stand das Krankenhaus als zentraler Teil des Gesundheitssystems mit seinen Mitarbeitenden, mit den Patient*innen und deren Zugehörigen im Mittelpunkt des ersten Abends der Gesprächsreihe.

 

Quintessenzen

  • Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte darüber, was uns ein gutes Gesundheitssystem wert ist und wie es gerecht gestaltet werden kann. Die Gesundheitsberufe brauchen mehr Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen, damit die Berufe attraktiv bleiben.
  • Patient*innengruppen benötigen als ergänzendes Unterstützungssystem für die stationären Gesundheitseinrichtungen eine Sorgestruktur, in die sie während und nach ihrem Krankenhausaufenthalt eingebettet sind.
  • Die Verzahnung von Krankenhaus und ambulanten Diensten muss sozialräumlich verbessert werden. Die Kommune wird als Institution und Akteur benötigt, die ein solches Sorgenetzwerk politisch und organisatorisch fördert und unterschiedliche Akteure an einen Tisch holt.

 

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Menschen mit Pflegebedarf

 

Impulsgeber*innen

  • Dr. Peter Bartmann, Leiter des Zentrums Gesundheit, Rehabilitation und Pflege; Diakonie Deutschland
  • Stefanie Kämper, Studiengang Nursing, Ev. Hochschule Berlin
  • Dagmar Michaelis-Olrogge, Leiterin des Pflegestützpunkts Steglitz-Zehlendorf

 

Das Thema

Die Impfanstrengungen Deutschland laufen etwa nach einem Jahr Leben mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 an und richten sich prioritär an Personengruppen, die nach bisherigen Erkenntnissen ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Das betrifft vielfach Menschen mit Pflegebedarf, um deren Situation in der Corona-Pandemie es am zweiten Gesprächsabend der Reihe ging.

 

Quintessenzen

  • Die Pflegeausbildung und der Pflegeberuf sind in unserer älter werdenden Gesellschaft nicht nur in Pandemiezeiten essentiell wichtig. Sie brauchen gute Rahmenbedingungen und viel politischen und gesellschaftlichen Rückenwind.
  • Die Pandemie hat das Problem der Einsamkeit älterer Menschen sehr deutlich gemacht. Eine Kultur der Aufmerksamkeit in den Nachbarschaften wird gebraucht.

Verschärfung sozialer Ungleichheit: wie armutsbetroffene Menschen die Krise erleben

 

Impulsgeber*innen

  • Barbara Eschen, Sprecherin der Landesarmutskonferenz Berlin, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
  • Schwester Heike Erpel, Projektleiterin der Aktion „Warmes Essen“ in der Pauluskirche Zehlendorf
  • Helmut Reiners, Standortleiter einer Wohnungsloseneinrichtung in Lichterfelde

 

Das Thema

Wo soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft herrschte, wird sie in der Pandemie deutlicher wahrnehmar und in vielen Fällen verstärkt. Klar ist dabei aber auch, dass die Bandbreite an Missständen – etwa im sozialen Wohnungsbau, bei den Sozialleistungen oder der Arbeitswelt – unser gesellschaftliches Miteinander bereits lange vor Corona herausforderten.

 

Quintessenzen

  • Die Corona-Krise hat zu einem wirtschaftlichen Abschwung und zu hohen Staats­ausgaben und Staatsschulden geführt. Gehen wir auf harte politische Aus­einandersetzung über Sparmaßnahmen und Verteilung zu? Welche Rolle wird dabei die Armutsbekämpfung spielen?
  • „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Das ist eine der Kernbotschaften des Neuen Testaments. „Einer trage des anderen Last“ ist auch einer der Grundgedanken unserer sozialstaatlichen Ordnung. Birgt die Pandemie auch eine Chance für mehr Solidarität in unserer Gesellschaft? Was können wir als Kirche, als Bezirk, als Gesellschaft dafür tun?
  • Die Arbeit von Kirche und Diakonie setzt sich anwaltschaftlich für von Armut betroffene Menschen ein. In absehbarer Zukunft wird die Kirche aber mit deutlich weniger Mitgliedern und mit weniger finanziellen Mitteln auskommen müssen. Wie werden Prioritäten in der kirchlich-diakonischen Arbeit zukünftig gesetzt?

 

Gelebte Nachbarschaft gegen soziale Distanz und Vereinsamung: ein altes Modell reaktiviert?

 

Impulsgeber*innen

  • Alexandra Pichl, Mitglied der Gemeindevertretung Kleinmachnow, Landesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg
  • Nicole Herlitz, Projektleiterin Getragen in Gemeinschaft (GiG), Ev. Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf
  • Julia Tannert, Philantow, Teltow

 

Das Thema

Die erste Welle der Pandemie war durch großes nachbarschaftliches Engagement begleitet. Gleichzeitig hat auch die Zivilgesellschaft in den vergangenen Monaten einen shutdown erlebt. In den Gesprächsabenden am Martin-Niemöller-Haus wollen wir auch die Verantwortung thematisieren, die aus der Geschichte dieses Ortes hier in Dahlem erwächst. Der Blick für die Sorgen und Nöte der eigenen Nachbarschaft spielt dabei historisch wie gegenwärtig eine wichtige Rolle.

 

Quintessenzen

  • Nachbarschaften sind nicht per se integrierend, sondern können auch ausgrenzend sein. Offenheit, Solidarität und eine Kultur der Aufmerksamkeit, die allen Nachbar*innen gilt, sind nicht selbstverständlich, sondern müssen gestaltet werden. Der kritische Blick, wo Bedarfe liegen, ist elementar.
  • Gute Nachbarschaft braucht politische Unterstützung, braucht Strukturen, Räume, Finanzen, damit Initiativen, Vereine, Gemeinden, ehrenamtlich Engagierte sich einbringen können.
  • Stichwort Gemeinwohlökonomie: Erlebt auch dieses vielschichtige Konzept neue Impulse durch die Erfahrungen der Corona-Pandemie?

Vereinnahmung des Widerstandsdiskurses durch Verschwörungs­ideologien

 

Impulsgeber*innen

  • Arno Helwig, Leiter des Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem
  • Prof. Dr. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Das Thema

Verschwörungsideologien bieten eine in sich logische Erklärung für komplexe Ereignisse und Situationen. Sie begegnen einem Bedürfnis nach eindeutigen Verhältnissen und vermitteln ein Gefühl von Kontrollerhalt – Bedürfnisse, die in Zeiten von Corona besonders stark ausgeprägt sind.

 

Quintessenzen

  • Positionen von Verschwörungsphantast*innen können einem an vielen Orten begegnen: im persönlichen und familiären Umfeld, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder im politischen Raum. Es werden Orte der Begegnung und Diskursräume gebraucht, damit unterschiedliche Meinungen im Gespräch bleiben.
  • Mit Hilfe der sozialen Medien kann eine kleine Gruppe von Verschwörungs­phantast*innen eine sehr große mediale Reichweite erreichen. Überhaupt können Diskussionen mit Verfechter*innen von Verschwörungsphantasien anstrengend sein. Gegen eine Meinungs- und Filterblase zu argumentieren ist nicht selten vergeblich. Es gilt, vor allem die empfängliche Zuhörerschaft der Verschwörungsphantast*innen mit einem freiheitlich-demokratischen Diskurs, für Pluralität und Diversität, zu überzeugen und in Alltagssituationen wie im Netz Engagement gegen Menschenfeindlichkeit zu zeigen.

Die Corona-Pandemie: lessons learned in Kirche und Gemeinde

  • Dr. Johannes Krug, Superintendent, Ev. Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf
  • Dr. Tanja Pilger-Janßen, Pfarrerin, Ev. Kirchengemeinde Berlin-Dahlem

 

Das Thema

Im Zuge der mehrfachen Wechsel von Verschärfungen und Lockerungen der Corona­schutzmaßnahmen wurde die besondere Stellung von Glaube und Kirche deutlich und in Medien und Gesellschaft teils kontrovers diskutiert. Die innerkirchlichen Herausforderungen aktueller Transformationsaufgaben bildete den Rahmen des sechsten Gesprächsabends.

 

Quintessenzen

  • Die Corona-Pandemie hat viele kreative Prozesse freigesetzt. Was soll beibehalten werden, was besser nicht? Kirche sollte experimentierfreudig und veränderungsbereit bleiben.
  • In der Pandemie hat die Kirche öffentlich kaum eine Rolle gespielt. Sie ist offensichtlich nicht mehr selbstverständlich die bedeutende Institution, die in einer gesellschaftlichen Krise und bei den damit verbundenen ethischen Fragen Orientierung gibt. Damit sie auch zukünftig, auch als Minderheitenkirche, gesellschaftlich prägend bleiben kann, sind Veränderungen notwendig.
  • Die Kirche sollte sich lauter zu Wort melden. Sie hat zu den gesellschaftlichen Problemen, die durch die Corona-Krise deutlich werden, etwas zu sagen.
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