Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem
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75 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis

„Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.”

So lautet ein Schlüsselsatz des sogenannten „Stuttgarter Schuldbekenntnis”.

Vor 75 Jahren am 18./19. Oktober 1945 gab der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland dieses Schuldbekenntnis gegenüber Vertretern der Ökumene ab und bekannte eine Mitschuld evangelischer Christinnen und Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

 

Den Wortlaut der Stuttgarter Erklärung finden Sie auf den Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Die EKD feierte am historischen Ort, der Stuttgarter Markuskirche, einen Gottesdienst. Die Predigt hielt Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, EKD-Ratsvorsitzender.

Im Gottesdienst am 18.10.2020 in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche erinnerte Pfarrerin Marion Gardei, Erinnerungsbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz an die Ereignisse vor 75 Jahren, an denen Martin Niemöller maßgeblichen Anteil hatte.

Unter Mitwirkung des Martin-Niemöller-Haus Berlin-Dahlem entstand zum Jahrestag der Stuttgarter Erklärung die Sendung zu Martin Niemöller "Protestant im Büßerhemd: Martin Niemöller - Ikone oder Reizfigur?"

Nachzuhören auf der Website von rbb-online.

Hintergrund:

 

Am 18.10. traf sich der Rat der Evangelischen Kirche in Stuttgart zu seiner ersten ordentlichen Sitzung nach seiner Gründung. Und erstmals nach der Katastrophe des Nationalsozialismus und des Krieges waren hochrangige Vertreter der evangelischen Ökumene aus den USA, den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz zu einem Besuch in Deutschland. In der evangelischen Kirche war eine Debatte über die eigene Rolle im Nationalsozialismus im Gange, in der die Positionen teils hart aufeinandertrafen. Es geht – so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – um das Selbstverständnis einer Kirche, die tief getroffen ist von ihrem eigenen Versagen im Nationalsozialismus. Wie weit dieses Schuldbekenntnis jedoch wirklich gehen soll, darüber wird intern heftig gestritten. Die ökumenischen Glaubensbrüder waren zu einer Versöhnung bereit. Doch dazu brauchte es ein klar wahrnehmbares Zeichen des deutschen Protestantismus, das die Mitverantwortung für die NS-Verbrechen deutlich machte. „Helft uns, dann können wir Euch helfen“ – unter diesem Motto hatte der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf der Evangelischen Kirche in Deutschland die Hand ausgestreckt.

 

Verfasser des Stuttgarter Schuldbekenntnisses sind Hans Asmussen, Otto Dibelius und Martin Niemöller. Alle drei waren während der Zeit des Nationalsozialismus herausragende Vertreter der „Bekennenden Kirche“. Inhaltlich bietet das Schuldbekenntnis aus heutiger Sicht einige Probleme. Der kirchliche Antijudaismus, der eigene Beitrag zum Aufstieg des Nationalsozialismus, die Verstrickungen der Kirchen mit dem NS-Regime und der fatale Irrweg der sogenannten Deutschen Christen wird nicht reflektiert. Der Mord an den europäischen Juden und andere Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten finden überhaupt keine Erwähnung. Auch damals war die Erklärung heftiger Kritik ausgesetzt, die allerdings aus der entgegengesetzten Richtung kam: Was uns heute nicht genügt, ging damals vielen bereits zu weit. Innerhalb Deutschlands traf das Dokument zum Teil auf heftige Ablehnung. Im hannoverschen Kirchenamt füllten die Protestbriefe ganze Kartons. Menschen fühlten sich für Verbrechen in Mithaftung genommen, obwohl sie sich unschuldig wähnten. In ihrer Selbstwahrnehmung waren sie Opfer, nicht Täter.

 

Angesichts des Ausmaßes des Scheiterns der evangelischen Kirche in der NS-Zeit ist das Stuttgarter Schuldbekenntnis sicher nicht ausreichend. Zugleich ist es aber auch ein Meilenstein, der Beginn eines jahrzehntelangen Veränderungsprozesses.

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