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Friedenszentrum Martin Niemöller Haus

Nachruf auf Franz von Hammerstein

Uli Sonn, August 2011

Es gibt wohl kaum jemand, der eine so enge und lebendige Verbindung zum Martin Niemöller Haus hatte wie Franz von Hammerstein. Bis zu den letzten Monaten seines Lebens war er ein regelmäßiger und treuer Besucher und Freund unseres Hauses. Dafür sei ihm Dank.
Seine persönliche Beziehung zu unserem Haus reichte schon bis in seine Jugendzeit: durch seine Freundschaft mit einem der Niemöller-Söhne ging er schon früh ein und aus im Dahlemer Pfarrhaus. Der Konfirmandenunterricht bei Martin Niemöller und die Einsegnung durch ihn hinterließ tiefe Spuren und gab ihm geistliche und politische Orientierung. Als Jugendlicher musste er im letzten Kriegsjahr aufgrund der Sippenhaftung denselben Weg gehen wie Martin Niemöller – ins Konzentrationslager. Diesen schrecklichen Leidensweg konnte er – Gott sei Dank ! – ebenso wie Martin Niemöller lebend überstehen.
Wenn er uns und Gästegruppen des Hauses über diese Erfahrungen und die dramatischen Ereignisse seiner Befreiung und Heimkehr berichtete, wurde Geschichte lebendig und berührend: als Zeitzeuge hat er unendlich viele Menschen authentisch informiert und die Gefahr und Schrecken des Faschismus plastisch werden lassen. Was widerständiges Leben und Wachsamkeit bedeutet, konnte man in seiner Person erfahren. So wird in seiner Biographie und seiner Lebenspraxis in einzigartiger Weise deutlich, was wir Jahre später zum Motto des Martin Niemöller Hauses gewählt haben: Erinnern – für die Zukunft! Wie Martin Niemöller hat er nach dem Krieg sein Leben in den Dienst der Versöhnung gestellt: Erinnerungsarbeit und aktives friedenspolitisches Handeln. – Als einer , der die Lehren aus der Vergangenheit ernst nahm, schloß er sich in den 50er Jahren der Bewegung gegen die Wiederbewaffnung und später der Anti-Atomwaffenbewegung um Martin Niemöller an. Sein Engagement für Versöhnung führte ihn konsequenterweise zu Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF): der Aufbau und die geistige Orientierung, mit der er ASF in den Gründerjahren leitete, die Konzipierung der Freiwilligendienste als "Dienst für den Frieden", die vielfältigen Brücken, die er durch seine weltweiten Verbindungen für ASF baute, ließen ihn zu einem Pionier der Friedensbewegung werden.
Brückenbauer und Pionier war er auch in seinem weiteren Lebensweg: als Leiter des jüdisch-christlichen Dialogprogramms im Stab des Ökumenischen Rats in Genf, als Förderer der Aussöhnung mit Israel, mit Polen und den osteuropäischen Nachbarn durch vielzählige Projekte und Veranstaltungen, als Mitglied des Buchenwald-Komitees, als Initiator der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft nach der Wende, - um nur einiges zu nennen. Mit der Gründung des Martin Niemöller Hauses als Friedenszentrum merkte man, dass ihm das Haus richtig ans Herz gewachsen war, was sich in seiner regen Anteilnahme an unseren Programmen niederschlug. Über lange Jahre war er als Vorstandsmitglied unseres Hauses ein wichtiger Berater. Über ihn gelang es, dass wir zahlreiche in- und ausländische Gruppen zu Gast haben durften, die für die Erinnerungsarbeit bedeutsam waren – ehemalige Zwangsarbeiter aus Peremoha, Theologiestudenten aus USA, Gruppen ehemaliger KZ-Insassen aus Polen, etc … Für die Gruppen unserer internationalen Jugendcamps war er als Zeitzeuge ein beeindruckender und kompetenter Gesprächspartner. Und: bis in die letzten Wochen nahm er unentwegt und ganz regelmäßig – bei Wind und Wetter! – an den monatlichen Treffen der Hausvertreter teil: keine Hausversammlung ohne Franz! Wie oft kam er einfach so ins Haus, trat in mein Büro und erkundigte sich persönlich nach mir und unseren aktuellen Programmen. Als jahrzehntelanges Mitglied des Versöhnungsbundes lag ihm auch diese Friedensarbeit unseres Verbandes sehr am Herzen. So wie die Persönlichkeit Martin Niemöllers auf ihn prägend wirkte, so war sicher auch dessen Verankerung im christlichen Glauben für ihn ermutigend und beispielgebend. Ein tiefes Gottvertrauen gab ihm die Kraft zu seinem segensreichen Versöhnungswirken. Vielleicht ist dies das wichtigste Erbe, das Franz von Hammerstein uns weitergab.
Sein 85. Geburtstag wurde mit einem großen Fest in unserem Haus begangen. Anlässlich seines 90. vor ein paar Wochen brachten wir, die Hausgemeinschaft und engerer Freundeskreis, ihm ein Geburtstagsständchen auf seiner Terrasse, was er mit seinem sanften, gütigen Lächeln sichtlich genoß! So, mit diesem Bild, wollen wir ihn in Erinnerung behalten – unseren Franz.

Traueranzeige ( -Datei)


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