Tafel 36
Tafel vorlesen lassenReformation oder Restauration? (Katalog 38)

Nach 1945 stand die Kirche vor der Frage: "Reformation oder Restauration?" Bischof Theophil Wurm hatte schon 1941 mit den staatlich gelenkten Kirchenbehörden wie auch Vertretern der Bekennenden Kirche darüber verhandelt, wie die vielfältig zerspaltene Evangelische Kirche wieder geeint werden könnte. Unter Nutzung der Erfahrungen des Kirchenkampfes wollte man möglichst die alte Ordnung wieder herstellen.

Zum ersten Treffen nach Kriegsende (27. - 31. August 1945) lud Bischof Wurm persönlich die verschiedensten "Kirchenführer" nach Treysa ein. Sie bestimmten einen Rat von 12 Mitgliedern, der eine endgültige Ordnung der EKiD vorbereiten sollte. Ratsvorsitzender wurde Bischof Wurm, sein Stellvertreter Martin Niemöller. Zunächst noch vorläufig gab der Bruderrat hier seine kirchenleitende Funktion an den neu gebildeten Rat ab.

Während der Rat der EkiD zum zweiten Mal – diesmal im Oktober 1945 in Stuttgart – tagte, erhielt er unerwartet Besuch von Abgesandten des Ökumenischen Rates (ÖKR) in Genf: W.A. Visser't Hooft, dem Generalsekretär des ÖKR, Bischof Dr. Bell, Chichester, Prof. Hendrik Kraemer, Niederlande, Pastor Pierre Maury, Frankreich, dem Präsidenten des Schweizer Kirchenbundes Koechlin und den beiden Amerikanern Dr. Michelfelder und Prof. McCrae Covert.:

"Wir sind gekommen, um Euch zu bitten, daß ihr uns helft, Euch zu helfen." Auf diese Bitte hin wurde das "Stuttgarter Schuldbekenntnis" verfasst, darin heißt es:

"Durch uns ist unendliches Leid über die Völker und Länder gebracht worden."

Martin Niemöller 1945

Martin Niemöller 1945, kurz nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager, vor der zerbombten Marienkirche in Berlin. Rechts Pastor Rudolf Weckerling.

Im Ausland reagierte man mit Erleichterung und Freude auf dieses Zeichen eines Neuanfangs in Deutschland. In Deutschland selbst aber wurde es schon bald heftig kritisiert. Während es auf der einen Seite als zu wenig selbstkritisch beurteilt wurde, löste es in anderen Kreisen der deutschen Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung aus:

"Dies ist ein Dolchstoß wie 1918!"

"Wer hat die Kirche zum Bekenntnis einer Kollektivschuld legitimiert?"

"... liefert den Siegermächten Argumente für ein zweites Versailles!"

"Sie haben freiwillig alle Schuld auf uns Deutsche geladen, ohne nach der Schuld der anderen zu fragen!"

"... zu einseitig, … zu geschichtslos, … erklärt nicht, wie es zu Hitlers Machtergreifung kommen mußte!"

Über den "Neuanfang 1945" in der Kirche herrschten unterschiedliche Vorstellungen:

"Die Landeskirchen sind abbruchreif."

(Martin Niemöller)

"Was heißt Neubau? - Wir haben 1945 da wieder angefangen, wo wir 1933 aufhören mußten."

(Otto Dibelius)

"Wir haben in der Tat wiederhergestellt. Und ich darf, ehe dieses Wort der Restauration wieder absinkt in den Streit der Schlagworte, sagen: genau das war unsere Pflicht."

(Hanns Lilje)

 
Die drei Kirchenmänner: Kirchenpräsident Martin Niemöller, Bischof Otto Dibelius, Bischof Hanns Lilje.

Die drei Kirchenmänner: Kirchenpräsident Martin Niemöller, Bischof Otto Dibelius, Bischof Hanns Lilje.

Im Juli 1948 trat die erste Kirchenversammlung der EKiD in Eisenach zusammen und beschloss dort die "Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland". Dabei gab es noch einmal heftige Auseinandersetzungen zwischen dem Bruderrat einerseits und stärker konfessionell (lutherisch) bestimmten Kirchenvertretern andererseits. Es waren nämlich vor allem die Lutheraner, die es ablehnten, die "Barmer Theologische Erklärung" als für alle in der EKiD zusammengeschlossenen Kirchen verbindlich zu erklären.

Ein Teil der in neue Ämter und Würden gekommenen Kirchenmänner sah in der Gründung der "Christlich-Demokratischen Union" eine Chance für einen größeren Einfluss der Kirche auf die Politik und den Wiederaufbau Deutschlands nach "christlichen" Grundsätzen. Die enge Zusammenarbeit zwischen evangelischer Kirche und CDU legte die Arbeit der evangelischen Kirche in eine konservative Richtung wieder neu für lange Zeit fest. Ein herausragendes Beispiel für diesen Teil des deutschen Nachkriegsprotestantismus: Hermann Ehlers war während des Kirchenkampfes Mitglied des Bruderrates der Bekennenden Kirche Preußens. 1945 wurde er Oberkirchenrat in Oldenburg. Er trat am 1. August 1946 in die CDU ein und gründete im März 1952 deren "Evangelischen Arbeitskreis". Ihm ging es darum:

"ob wir in einer sehr schweren und scheinbar aussichtslosen Situation diejenigen, die bereit sind, sich in ihrem Leben, im Staat, in Volk und Gemeinde an ihr Christsein erinnern zu lassen, so zusammenbringen, daß sie gemeinsam etwas darstellen und eine Durchsetzungskraft bekommen, auch im politischen Raum, auch in der Öffentlichkeit. Das ist das Anliegen des Evangelischen Arbeitskreises, den wir in der CDU geschaffen haben."

Schreiben des Rats der Evangelischen Kirche Deutschland Flugblätter der Bekennenden Kirche 1947

Schreiben des Rats der Evangelischen Kirche Deutschland 1945

Flugblätter der Bekennenden Kirche 1947

Einige von denen, die nicht mit den "Kirchenführern" in das alte Gemäuer der Kirche zurückkehren wollten, sondern es als ihren Auftrag empfanden, „Kirche unterwegs“ zu sein, sammelten sich um die Zeitschrift "UNTERWEGS". Zum UNTERWEGS-Kreis gehörten neben vielen anderen:
Georges Casalis, damals französischer Militärseelsorger u.a. im Kriegsverbrechergefängnis Spandau; Gertrud Staewen, Gefängnisseelsorgerin in Tegel; Rudolf Weckerling, Studentenpfarrer an der TU und Helga Weckerling; Wolf-Dieter Zimmermann, persönlicher Referent von Bischof Dibelius.

Dem immer noch bestehenden Reichsbruderrat der evangelischen Kirche war das Stuttgarter Schuldbekenntnis zu allgemein formuliert. Im August 1947 verabschiedete er das "Wort zum politischen Weg unseres Volkes", das sogenannte Darmstädter Wort, in dem die Irrtümer der Kirche benannt wurden.
Diesem Wort begegnete wütende Ablehnung vonseiten derer, die die Kirche wieder in ihrer alten Form aufbauen wollten. Auf Dauer konnte der Bruderrat der Bekennenden Kirche seine Vorstellungen vom Aufbau der Kirche nicht durchsetzen. Er löste sich nach Gründung der EKD 1948 auf.

Titelblatt von UNTERWEGS

UNTERWEGS: Titelblatt von Heft 4, 1948

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