Tafel 16
Tafel vorlesen lassenDie Kirchliche Hochschule (Katalog 19)

Die deutschen Universitäten waren bestimmt von der nationalsozialistischen Ideologie. Deshalb beschloss die Bekennende Kirche, ihre Pfarrer selbst auszubilden. In Berlin-Dahlem und Wuppertal-Elberfeld wurde vom Bruderrat der preußischen Bekennenden Kirche eine Kirchliche Hochschule eingerichtet. Schon im September 1935 berief der Bruderrat die Dozenten und setzte die Eröffnung der Hochschule Berlin für den 1. November 1935 an, in der Hoffnung, dass die Gemeinden den Betrieb der Hochschulen durch Kollekten und Spenden finanzieren würden:

"Wie nicht selten in zukunftsträchtigen Momenten der Geschichte des Reiches Gottes hatte der Bruderrat mehr Gottvertrauen im Blick auf die neue Aufgabe als auf die sichernden irdischen Mittel und wurde nicht enttäuscht..." (Wilhelm Niesel)

Der geplante Eröffnungsgottesdienst in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem wurde von der Gestapo verboten, die Gemeinde stand vor verschlossener Kirchentür. Trotzdem begann der Betrieb am Montag, dem 4. November 1935. Obwohl die Gestapo am nächsten Tag die Hochschule für verboten und aufgelöst erklärte und die Räume versiegelte, wurden bis zu Beginn der vierziger Jahre die Studenten der Bekennenden Kirche ausgebildet. Die Vorlesungen mussten jedoch in ständig wechselnden geheim gehaltenen Räumlichkeiten stattfinden. Die Lehrveranstaltungen fanden unter anderem im Gemeindesaal Dahlem, Thielallee 1+3 statt, später vor allem in Wohnungen von Gemeindegliedern. Immer wieder mussten Termine und Orte kurzfristig abgesprochen werden, um zu verhindern, dass die Gestapo davon erfuhr. 1941 wurden einige der Gemeindeglieder, die ihre Wohnungen zur Verfügung gestellt hatten, noch zu Geldstrafen verurteilt, unter anderem Ottonie Blanck.

Bescheinigung der Kirchlichen Hochschule
Bescheinigung der Kirchlichen Hochschule
Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester 1935/36 Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester 1935/36

Das erste (und vorläufig letzte) gedruckte Vorlesungsverzeichnis der Kirchlichen Hochschule (WS 35/36)

In der Wohnung von Frau Ottonie Blanck in Steglitz fanden Vorlesungen der illegalen Kirchlichen Hochschule statt. Diese Wohnung war offenbar besonders gut dafür geeignet, da im selben Haus im Erdgeschoss die Ortsleitung der NSDAP untergebracht war. Ottonie Blanck (1899 – 1976) war eine der Frauen, die zu den "Säulen der Bekennenden Kirche" gehörten. Vom Sommer 1933 an arbeitete sie als ehrenamtliche Gemeindehelferin bei Martin Niemöller und hatte so wesentlichen Anteil am Aufbau der Bekennenden Kirche. Sie machte dann noch eine katechetische Ausbildung und war ab 1937 in der Organisation der Kirchlichen Hochschule tätig, an deren Vorlesungen sie auch teilnahm. 1941 wurde sie zusammen mit den anderen Mitarbeitern der Kirchlichen Hochschule angeklagt und verurteilt. Nach dem Krieg arbeitete sie weiterhin als Gemeindehelferin.

Der erste Leiter der Kirchlichen Hochschule in Berlin Pastor Hans Asmussen (1898 – 1968) Pfarrer Heinrich Vogel; geboren 1902

Der erste Leiter der Kirchlichen Hochschule in Berlin war Pastor Hans Asmussen (1898 – 1968), bis 1933 Pfarrer in Altona, zwangspensioniert, Mitglied des Reichsbruderrats; nach 1945 Leiter der Kanzlei der EKD. Er predigte häufig in den Dahlemer Fürbittgottesdiensten.

Pfarrer Heinrich Vogel; geboren 1902. 1932 Pfarrer in Dobbrikow, 1935 Dozent an der Kirchlichen Hochschule in Berlin, seit 1946 Professor an der Kirchlichen Hochschule Berlin und an der Humboldt-Universität Berlin. Lebt in Berlin.

Noch zwei Dozenten der Kirchlichen Hochschule in Berlin: Günther Dehn und Helmut Gollwitzer (rechts) Plakate dieser Art hingen in den Räumen der Berliner Universität.

Noch zwei Dozenten der Kirchlichen Hochschule in Berlin: Günther Dehn und Helmut Gollwitzer (rechts)

Plakate dieser Art hingen in den Räumen der Berliner Universität.

Von stud. theol. Adolf Freudenberg wird berichtet, dass er bei einer Verhaftung durch die Gestapo den Zettel mit dem Wochenplan der Vorlesungen vor der Vernehmung im Polizeigefängnis Alexanderplatz verschluckte, damit er nicht der Gestapo in die Hände fiel.

Das Studienbuch von Adolf Freudenberg war auf allen Seiten mit einem diagonalen gelben Streifen gekennzeichnet, weil er nach der Rassenideologie der Nazis als "nichtarisch versippt" galt. Er wurde 1937 von allen deutschen Hochschulen ausgeschlossen, weil er an der illegalen Kirchlichen Hochschule studiert hatte. Im Gegensatz zu anderen Studenten, die die Kurse der Bekennenden Kirche besucht hatten, wurde er nicht nur vom Studium an der Berliner Universität ausgeschlossen, sondern vom Studium an allen deutschen Hochschulen, da er als ehemaliger Beamter Gesetze übertreten hatte.

Studienbuch von Adolf Freudenberg Studienbuch von Adolf Freudenberg

Studienbuch von Adolf Freudenberg

Das vorläufige Ende der Kirchlichen Hochschulen

Von 1935 bis März 1941 konnte die Kirchliche Hochschule ihren Lehrbetrieb im Untergrund aufrechterhalten. Im März 1941 aber wurden sämtliche Dozenten und einige Mitarbeiter verhaftet und im Dezember 1941 vom Landgericht wegen Verstoß gegen den Erlass von Himmler aus dem Jahr 1937, der der Bekennenden Kirche die Ausbildung und Prüfung ihrer Theologen verbot, verurteilt.

Das Urteil vom 20. Dezember 1941
Martin Albertz: 1 Jahr und 6 Monate Gefängnis
Günther Dehn: 1 Jahr Gefängnis
Günther Harder: 7 Monate Gefängnis
Hans Asmussen: 7 Monate Gefängnis
Heinrich Vogel: 7 Monate Gefängnis
Barbara Thiele
(Mitarbeiterin des Burkhardthauses): 4 Monate Gefängnis
Hans Böhm: 4 Monate Gefängnis
Wilhelm Niesel: 6 Monate Gefängnis
Hans Lokies: 5 Monate Gefängnis
Grete Michels: 2 Monate Gefängnis
Sarah Arnheim
(Mitarbeiterinnen im theologischen Prüfungsamt der Bekennenden Kirche)
Ottonie Blank, Marianne Albertz: 300 RM
Ehepaar Schröder (wegen Versteckens der Akten des Prüfungsamtes): 200 RM

Die meisten Angeklagten saßen 9 Monate in Untersuchungshaft, so dass nur noch Albertz und Dehn eine Reststrafe absitzen mussten. Nach dem Prozess war der Lehrbetrieb der Kirchlichen Hochschule beendet. Sie wurde erst wieder 1945 eröffnet.

 
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