Tafel 13
Tafel vorlesen lassenKirchliches Notrecht: Zweite Bekenntnissynode Dahlem (Katalog 16)

Die einstimmige Verabschiedung der Theologischen Erklärung von Barmen ermutigte die Bekenntnisgemeinden im ganzen Reich. Gleichzeitig trieb Staatskommissar Jäger im Auftrag von Reichsbischof Müller die Gleichschaltung der Landeskirchen mit der von den Deutschen Christen beherrschten Reichskirche voran.

Inzwischen hatte Hitler mit dem Röhmputsch am 30.6.1934 auch seinen letzten Konkurrenten innerhalb der Partei zusammen mit anderen Widersachern ermorden lassen. Nach dem Tode Hindenburgs am 2. August 1934 vereinigte er Präsidenten- und Kanzleramt in seiner Person. Bestätigt durch einen triumphalen Volksentscheid, ließ er Wehrmacht und Beamte auf seine Person vereidigen. Die Drohungen einiger DC-Landesbischöfe deuteten darauf hin, dass man sich nunmehr mit der Bekennenden Kirche auch der letzten unbequemen Kritiker des staatlich gelenkten Kirchenregiments entledigen wollte.
Im September 1934 wurden Bischof Meiser (Bayern) und Bischof Wurm (Württemberg) amtsenthoben. Sie hatten sich bis dahin geweigert, ihre Landeskirchen der deutsch-christlichen Reichskirche eingliedern zu lassen. Dies war für die Bekennende Kirche das Signal dafür, über die in Barmen formulierte Theologische Erklärung mit ihrer Verwerfung der deutsch-christlichen Irrlehre hinauszugehen und die radikale Trennung von den Deutschen Christen durch den Aufbau einer eigenen Kirchenorganisation zu vollziehen. Dafür steht die zweite Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche, die für den 19./20. Oktober 1934 nach Berlin-Dahlem einberufen wurde.

Meldungen der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 12. und 13. Oktober 1934 (1) Meldungen der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 12. und 13. Oktober 1934 (2)

Meldungen der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 11. und 12. Oktober 1934

Das Reichskirchenregiment der Deutschen Christen zeichnete sich in diesen Herbstmonaten mehr und mehr durch rechtswidrige und gewaltsame Aktionen gegen kirchliche Opposition aus. Wollte die Bekennende Kirche die Barmer Erklärung ernst nehmen, musste sie dieser Kirchenleitung endgültig jeden Gehorsam verweigern. So berief sie sich auf das "kirchliche Notrecht", das besagt: Versagt die Leitung der Kirche, so müssen die Gemeinden selbst eine Kirchenleitung bilden. So erklärte sich die Bekennende Kirche zur rechtmäßigen Vertretung der Deutschen Evangelischen Kirche und beschloss den bruderrätlich organisierten Aufbau für das ganze Reichsgebiet. Für die Leitung setzte sie einen "Rat der Evangelischen Kirche" ein, dem angehörten: Präses Koch, Pastor Hans Asmussen, Rechtsanwalt Fiedler, Professor Karl Barth, Oberkirchenrat Breit und Pfarrer Martin Niemöller.

Die Dahlemer Bekenntnissynode am 20. Oktober 1934 beschloss:

Gerhard Jacobi auf dem Rücken von Fritz Müller schreibend


Gerhard Jacobi auf dem Rücken von Fritz Müller schreibend. Der Dahlemer Pfarrer F. Müller hatte wesentlichen Anteil an der Formulierung des kirchlichen Notrechts.

"Wir fordern die christlichen Gemeinden, ihre Pfarrer und Ältesten auf, von der bisherigen Reichskirchenregierung und ihren Behörden keine Weisungen entgegen zu nehmen."

Das bedeutet unter anderem:

  • Amtliche Schreiben unrechtmäßiger Kirchenbehörden sind zu den Akten zu legen.
  • Die Weisungen von Superintendenten, Kommissaren usw., die der bisherigen Kirchenregierung und ihren Organen weiterhin gehorsam sein wollen, sind nicht zu befolgen.
  • Kein Pfarrer der Bekennenden Kirche darf einen Deutschen Christen zu einer Vertretung heranziehen oder ihm eine Dimissoriale (Erlaubnis) zu einer Amtshandlung erteilen.
  • Zur Leitung der Bekennenden Kirche ist ein Gemeindebruderrat zu bilden, dem vor allem die bekennenden Mitglieder des Gemeindekirchenrats angehören.

Die unter Hausarrest stehenden Bischöfe Meiser und Wurm, sowie Marahrens aus Hannover, wurden überraschend am 30. Oktober 1934 zu einem Gespräch mit Hitler nach Berlin gebeten. Sie sollten ihm Vorschläge für eine neue Leitung der Kirche unterbreiten. Ihnen selbst waren die Dahlemer Beschlüsse zu radikal, vor allem die bruderrätliche Umstrukturierung. Sie wollten an der Spitze der Kirche lieber einen Bischof sehen, der das Vertrauen der Reichsregierung besaß. So drängten sie den Reichsbruderrat zur Einsetzung einer "Vorläufigen Kirchenleitung" mit August Marahrens als Vorsitzendem. Dies geschah erst nach langen Auseinandersetzungen im Reichsbruderrat am 22. November 1934. Niemöller und Barth, Hermann Hesse und Karl Immer traten daraufhin aus dem Reichsbruderrat aus, weil sie in dieser Entscheidung eine Missachtung der Beschlüsse von Dahlem sahen.

Von links nach rechts: Theophil Wurm, August Marahrens, Hans Meiser am 30.10.1934 vor der Reichskanzlei in Berlin. Das Gemeindehaus der Kirchgemeinde Dahlem in der Thielallee 1+3 der Ort der zweiten Bekenntnissynode.

Von links nach rechts: Theophil Wurm, August Marahrens, Hans Meiser am 30.10.1934 vor der Reichskanzlei in Berlin.

Das Gemeindehaus der Kirchengemeinde Dahlem in der Thielallee 1+3 der Ort der zweiten Bekenntnissynode.

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